Katastrophenwinter 1978/79

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Hallo, alle ehemaligen unmittelbar und mittelbar tätigen Kolleginnen und Kollegen der Küstenfunkstelle Rügen Radio!


Im Sinne unseres Webseitenmottos "Do you remember" habe ich mir gedacht, an eine Zeit zu erinnern, die wohl keiner, der dabei war, vergessen wird. Es ist der Katastrophenwinter 1978/1979. Ausgehend von der aus meiner Sicht sehr einseitigen Berichterstattung im Rahmen der Fernsehdokumentation vom 29.12.2003 22.05 Uhr und einer Antwort des MDR, die ich auf meine Einwände gegen diese Art der Berichterstattung bekam, möchte ich im nachhinein versuchen, auch die Leistungen der beteiligten Kolleginnen und Kollegen von Rügen Radio zumindestens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Soweit meine Beweggründe für den folgenden Beitrag.
 

 

Um den Jahreswechsel 78/79 toben Schneestürme entlang der Ostseeküste. Über diesem Gebiet prallen kalte Luftmassen aus dem Norden auf wärmere Schichten aus dem Süden. Bedingt durch den starken Ostwind gleitet die warme auf die kältere Luft auf. Jeder, der nur ein klein wenig vom Wetter versteht, weiss, dass die Folge einer solchen

KA , unser FS-Spezi, in voller Aktion

Entwicklung starke, langanhaltende Schneefälle sind. Innerhalb weniger Stunden sind mehrere Hauptstrecken der Bahn und eine Vielzahl von Haupt- und Nebenstrassen der Insel Rügen unpassierbar geworden.
 

 

In dieser Situation greifen die Einwohner und die auf der Insel stationierten Streitkräfte zur Selbsthilfe und beginnen den Kampf gegen die Naturgewalten. Auch die dienstfreien Kolleginnen und Kollegen der Küstenfunkstelle müssen nicht gebettelt werden, sondern finden sich spontan zur Beseitigung der Schneemassen ein. Zuerst nur vor den Wohnhäusern, dann auf den Strassen zwischen den Wohnhäusern, und zuletzt auf dem gesamten Gelände der Küstenfunkstelle. Als wenig später die Anforderung der Katastrophenkommission kam, möglichst viele Menschen zur Beräumung der Verbindungsstrasse Sagard-Gowe abzustellen, gingen sofort einige Beschäftigte daran, diese wichtige Versorgungslinie wieder befahrbar zu machen.
 

Tee und Kaffee zum aufwärmen...

Zwischenzeitlich lief der Dienstbetrieb selbstverständlich weiter. Darüber hinaus mussten Möglichkeiten geschaffen werden, die Kollegen von Ausserhalb, die nach Schichtende nicht in ihre Heimatorte zurückkehren konnten, unterzubringen. Viele Auswärtige versuchten über zum Teil abenteuerliche Wege den Dienstort zu erreichen. So kam z.B. ein Kollege

aus Sagard mit Schneeschuhen über die Felder. Andere, die in der Sendestelle ihren Dienst antreten mussten, gingen die Strecke Glowe-Lohme zu Fuss. Damit noch einmal die damaligen Schneehöhen ins Gedächtnis gerufen werden, kann nicht unerwähnt bleiben, dass sich die genannten "Wanderer" zwischenzeitlich auf den Ästen der Baumkronen ausruhen konnten. Eine weitere Aktion fällt mir in diesem Zusammenhang ein.
 

 

In einem Kuhstall des Ortsteiles Ruschwitz mussten die Kühe mit Futter und Wasser versorgt werden. Eine Gruppe von ca. 15 Mitarbeitern machte sich über die Felder auf den Weg. Auf dem Rückweg transportierten wir einige Kannen mit frisch gemolkener Milch, die in der Küche von unseren fleissigen Köchinnen unter Leitung der unvergessenen Erna Bernstein zu schmackhaften Speisen verarbeitet wurden.
 

Überhaupt war die Versorgung die Kolleginnen und Kollegen während der Dauer der Unerreichbarkeit von aussen nie gefährdet, weil die Bäckerei in Glowe ständig geöffnet war und ihre schmackhaften Brot- und Backwaren angeboten hat und weil die schon erwähnte Werkküche der Küstenfunkstelle mindestens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zur Verfügung stellen konnte. Viele meiner Kollegen und ich haben damals die Erkenntniss gewonnen, dass eine einfache warme Nudelsuppe bei den damaligen Begleitumständen eine wahre Köstlichkeit sein kann.

Mir fällt auch in diesem Zusammenhang eine Episode ein, die auch von dem Willen gezeichnet war, alles zu unternehmen, damit anderen Menschen geholfen werden kann. Es wurde notwendig, dringend benötigte Medikamente aus Sassnitz zu holen. Daraufhin wurde ein B1000 mit einer kleinen Besatzung losgeschickt, denen es tatsächlich gelungen ist, die Stadt Sassnitz zu erreichen.

Nicht zuletzt sollte die Aktion "Diesel für Lohme" erwähnt werden. Durch den länger andauernden Stromausfall mussten die Netzersatzanlagen ungewöhnlich lange in Betrieb sein. Dadurch bedingt machte es sich notwendig, dass Diesel angeliefert werden musste. Dieser wurde in insgesamt 60 Fass zu je 200 Liter mit einem Hubschrauber der Volksmarine nach Lohme gebracht. Dort entluden die Mitarbeiter zusammen mit den Matrosen bei zum Teil heftigem Schneesturm die Fässer und garantierten damit den reibungslosen Betrieb der Küstenfunkstelle.
 

Die schwierige Witterungslage hielt uns aber Wachleiter der FuE2 - Herr Ernst Lahl
nicht davon ab, im Speisesaal eine Silvesterfeier zu starten. Obwohl der eine oder andere erst weit nach Mitternacht in die Federn kam, waren bis auf wenige Ausnahmen am 1. Januar 1979 alle wieder mit Schaufel und Schneeschieber zur Stelle. Der Zustand hielt noch einige Tage an, bis sich auf Grund der Wetterumstellung eine Entspannung der Lage abzeichnete. Die wenige Wochen später folgende zweite Schneewelle war bei weitem nicht so heftig wie die des Jahreswechsels 78/79.

 

Das soll es erst einmal gewesen sein. Ich hoffe, dass ich einige Erinnerungen wieder aufgefrischt habe, wobei ich um Nachsicht bitte, wenn ich die eine oder andere Episode nicht erwähnt habe. Bei meinen Recherchen habe ich mich auf eigene Aufzeichnungen und auf die Zeitung der Volksmarine "Auf Gefechtskurs" vom Januar 1979 gestützt.
 

Text:  Thomas Lehn   (Redaktion 30.03.2004)
(ex om Le2)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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